Interview mit Verena Rabe – See der Erinnerung

»In Berlin kann man alles wie durch ein Brennglas beobachten.«

Liebe Frau Rabe, Ihr Roman SEE DER ERINNERUNG verwebt zwei Zeitebenen: die 40er-Jahre in Nazideutschland und die frühen 60er Jahre. Welche Herausforderungen musste eine Frau wie Eva im Berlin jener Zeit bewältigen?

Verena Rabe: »Kurz nach Kriegsbeginn 1939 muss die sechsjährige Eva ihr Zuhause am Berliner Stölpchensee verlassen, in dem sie sehr glücklich war, weil ihr Vater als Soldat eingezogen wird und ihre Mutter verstorben ist. Sie wohnt in den kommenden Jahren im Haus ihrer Tante Waltraut und ihres Onkels Anton, in dem der nationalsozialistische Geist herrscht. Die kleine Eva Coco muss sich fügen, um nicht die ganze Zeit drangsaliert zu werden, in der weißen Villa sowie in der Schule. Sie wird zur angepassten Eva, die nach außen mitmacht, die nationalsozialistischen Lieder singt, deren Glaubenssätze in der Schule lernt. Sie geht in die innere Emigration, bis sie sich fast gar nicht mehr spürt. Auch als sie längst wieder mit ihrem Vater zusammen in ihrem idyllischen Heim am Stölpchensee lebt, kann sie sich mit der Vergangenheit nicht auseinandersetzen, keiner spricht mit ihr über das Geschehene, alle tun so, als ob sie nichts gemacht haben. So verschließt Eva die Erinnerungen in ihrem Innern. Anfang der 60er Jahre, nach dem Tod ihres Vaters, wird sie wieder von ihrer übergriffigen Verwandtschaft gezwungen einen Weg einzuschlagen, der nicht ihrer ist. Sie arbeitet nicht mehr als Tischlerin, sondern wird Möbelverkäuferin. Sie muss ihr geliebtes Haus am Stölpchensee zum zweiten Mal verlassen und soll in die konventionelle Welt der frühen 60er Jahre eintauchen. Einen respektablen Ehemann finden, Kinder bekommen.«

Wie würden Sie die Dynamik zwischen Eva und dem Kreuzberger Buchhändler Tim beschreiben? Und welche Ihrer Figuren ist Ihnen beim Schreiben besonders ans Herz gewachsen?

Verena Rabe: »Tim musste alles in der DDR zurücklassen, als er mit Anfang 20 spontan am Abend vor dem Mauerbau beschloss, nach einem Kinobesuch in Westberlin zu bleiben. Mit wenig Geld, aber viel Enthusiasmus, baut sich der Buchhändler in Kreuzberg ein freies, unabhängiges Leben auf. Er ist nicht allein damit. Kurt Mühlenhaupt, das Zentrum der Kreuzberger Bohème, kam auch aus der DDR. Durch Tim entdeckt Eva Kreuzberg. Sie erkennt die Schönheit und Freiheit dieses selbstbestimmten Lebens und begreift, dass es auch für sienicht zu spät ist, den eigenen Weg zu gehen. Sie findet in Tim eine neue Familie.

Eva Coco ist mir während des Schreibens besonders ans Herz gewachsen. Ihr Schicksal als kleines Mädchen in der kalten Villa hat mich sehr berührt. Und es war belastend, in ihre Gefühlswelt einzutauchen und ihr Verlorensein, ihre Verzweiflung und ihre Trauer zu spüren. Umso mehr mochte ich, als sie 1963 immer mehr zur anpackenden, positiven Eva Frau wurde und ihr Inneres wieder mit der kleinen Eva Coco vom Stölpchensee verbinden konnte. Tim dagegen gehört zu einem Männertyp, den ich sehr schätze: Unkonventionell, frei, offen, aber auch fürsorglich.«

Was macht Berlin zum idealen Schauplatz für Ihren Roman?

Verena Rabe: »In Berlin kann man alles wie durch ein Brennglas beobachten. Geschichte ist überall zu sehen und zu spüren. Und wenn man durch diese Stadt geht, tragen die Leute ihre Geschichten in den Gesichtern, anders als im zurückhaltenden Hamburg, in dem ich aus diesem Grund sehr gerne lebe. Berlin wühlt mich auf, inspiriert mich, kommt mir sehr nah.

Auch meine Familiengeschichte ist mit Berlin verbunden. Meine Großeltern lebten bis 1943 dort, meine Großtante bis zu ihrem Tod. Mein Vater kehrte für seine letzten zwölf Lebensjahre nach Berlin zurück, wo er als kleiner Junge einige Jahre verbrachte. Für meine Mutter blieb das Berlin ihrer Kindheitsjahre ein Sehnsuchtsort. Unsere Tochter lebt dort seit 2013 und hat an der Humboldt Jura studiert, wie meine Großmutter in den 20er Jahren Angewandte Mathematik.«

Was hat Sie bei der Recherche zu Ihrem Roman besonders fasziniert? Wann wussten Sie, dass sie unbedingt diese Geschichte erzählen wollen?

Verena Rabe: »Ich werde den Moment nicht vergessen, als ich in einem staubigen und kalten Archiv im Januar auf Hirts Berliner Lesefibel von 1939 gestoßen bin. Mit Hirts Berliner Lesefibel haben alle Volksschülerinnen und -schüler lesen und schreiben gelernt; sie ist mit nationalsozialistischem Gedankengut durchzogen. Ich durfte sie nicht ausleihen und habe die einzelnen Seiten fotografiert. Ich wusste, dass ich den Schlüssel zu einer Geschichte in den Händen halte. Und das Buch ›10 Millionen Kinder‹ von Erika Mann zog mich noch mehr in die tragische Geschichte der Kinder und Jugendlichen im Dritten Reich hinein. Wieder in der Bibliothek des Hauses der Wannseekonferenz zu recherchieren, wie auch schon für meinen dritten Roman ›Charlottes Rückkehr‹, war sehr inspirierend. Schon während meines Geschichtsstudiums in München habe ich es geliebt, Quellen zu sichten. Genauso war ich im Archiv des Kreuzberger Museums und recherchierte dort über die Kreuzberger Bohème. Ein wunderbarer Kontrast war das Gespräch mit Hannelore Mühlenhaupt in ihrem großartigen Kurt-Mühlenhaupt-Museum. Nach diesem Gespräch hatte ich Tim im Kopf. Als ich am Stölpchensee stand und bei sonnigem Herbstwetter auf diesen wunderschönen See sah, kam Eva Coco in Gedanken zu mir und ich wusste, dass ich ihre Geschichte erzählen muss.«

In Ihrem Buch kommt es zu einem Widersehen mit liebgewonnenen Figuren aus Ihrem Schicksalsroman UND AM ENDE DIE FREIHEIT. Können Sie uns dazu mehr erzählen?

Verena Rabe: »Da ist Uta, die Tochter von Helene, die in UND AM ENDE DIE FREIHEIT ihren Weg findet und Ende der 50er Jahre nach Berlin geht, um Lehrerin zu werden. Ich war selbst verblüfft, als sie in meinem neuen Roman erneut auftauchte und so selbstverständlich Evas Freundin wurde. Dass ihr Bruder Eddie zwischenzeitlich für Unruhe sorgen muss, hat mir zuerst nicht gefallen, aber er wollte auf jeden Fall wieder mitspielen und ich hatte mich schon beim Schreiben von UND AM ENDE DIE FREIHEIT gefragt, was aus ihm wird. Helene ist nur ein Zaungast in SEE DER ERINNERUNG, aber deren Lebensgefährte Julius wird Eva Cocos Berater und gibt ihr als Anwalt den entscheidenden Tipp zum Start in ihr selbstbestimmtes Leben. Als klar war, dass Paula wieder mitmachen würde, war ich sehr glücklich. Ich liebe diese humorvolle, unkonventionelle, weise Bildhauerin, die auch schon Helene und Julius geholfen hat.

Ab einem gewissen Punkt führen meine Figuren ein Eigenleben und ich folge ihnen nur noch auf ihrem Weg. Das ist wie Westernreiten ohne Sattel. Man muss sein Handwerk schon sehr gut beherrschen, um die Zügel locker zu lassen und den Figuren folgen zu können. Ich liebe besonders diesen Part des Schreibens.«

Das Gespräch führte Frederik Bahr aus dem dotbooks-Lektorat.

Verena Rabe ist in Hamburg geboren und aufgewachsen. Sie studierte Geschichte und arbeitete als Journalistin, bevor sie Schriftstellerin wurde. Seit 2004 veröffentlicht sie Romane. Verena Rabe lebt mit ihrem Mann in Hamburg, hat zwei erwachsene Kinder und verbringt viel Zeit in Berlin, ihrer zweiten Heimat. Außerdem liebt sie es, zu reisen. Besonders europäische Küsten haben es der Seglerin angetan. Für ihre Geschichten unternimmt sie lange Recherchereisen und lässt die Orte, die sie beschreibt, intensiv auf sich wirken.

Bei dotbooks veröffentlichte Verena Rabe ihre Romane »Thereses Geheimnis«, »Charlottes Rückkehr«, »Und über uns das Blau des Himmels« – diese drei Romane sind auch als Printausgaben erhältlich –, »Merles Suche«, »Elisas Versprechen«, »Die Melodie eines Sommers«, »Das Glück in weißen Nächten« und »Das Leuchten bretonischer Nächte«.

Ihr Roman »Und am Ende die Freiheit« ist als eBook bei dotbooks und Print- sowie Hörbuchausgabe bei Saga Egmont erschienen.

»See der Erinnerung« erscheint bei dotbooks im eBook und als Printausgabe bei Saga Egmont.

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