Interview mit Marita Spang – Die Hexe von Neuerburg

Wir haben für euch unsere Autorin Marita Spang alias Marie Lacrosse interviewt und sie gefragt: »Haben Sie einen festen Schreibplatz und eine feste Schreibroutine?«
Marita Spang: »Beides trifft nicht auf mich zu. Da ich als Hobby zu schreiben begann, als ich noch mehr als 100 Tage im Jahr als psychologische Unternehmensberaterin in Hotels verbrachte, schrieb ich den Roman ›Die Hexe von Neuerburg‹ überwiegend abends in Hotelzimmern oder in Restaurants oder Cafés.
Auch heute wechsle ich zwischen meinem Home-Office und meinem Büro, wobei mir der Tapetenwechsel häufig sehr guttut.
Eine feste Schreibroutine habe ich ebenso wenig, wobei ich Routinen ohnehin nicht besonders mag. Zumindest nicht, wenn sie mich zeitlich einschränken oder sogar festlegen. Daher schreibe ich möglichst täglich, wenn es irgendwie klappt, als erste Aufgabe des Tages und nicht an den Wochenenden. Letzteres bleibt allerdings häufig ein frommer Wunsch.
Aber es gibt keine festen Uhrzeiten und auch keine festen Zeiträume. Manchmal schreibe ich eine Stunde am Tag, manchmal sind es sechs oder sogar acht Stunden, das hängt ganz davon ab, wie tief ich gerade in einer Szene drinstecke. Jedenfalls vergeht die Zeit, in der ich schreibe, wie im Flug.«
»Welche Herausforderungen musste eine Frau wie Claudia von Leuchtenberg, die Protagonistin in DIE HEXE VON NEUERBURG, im 17. Jahrhundert bewältigen?«
Marita Spang: »Bei meiner Antwort auf diese Frage möchte ich damit beginnen, welche Herausforderungen Claudia aufgrund ihrer adeligen Herkunft erspart blieben: Sie musste nicht damit rechnen, als Hexe angeklagt zu werden. Es gibt nur sehr wenige adelige Frauen, die der Hexenverfolgung zum Opfer fielen.
Dennoch war sie natürlich als Frau gefangen in den engen Grenzen, die diese Zeit ihrem Geschlecht auferlegte. Im 17. Jahrhundert betraf dies zwar zum Glück nicht mehr die Bildung: Auch adelige Frauen lernten in den meisten Fällen nicht nur Lesen und Schreiben sowie die Grundbegriffe der Mathematik, sondern wurden von Privatlehrern häufig auch in anderen Fächern unterrichtet, zum Beispiel Fremdsprachen.
Claudia ist also eine gebildete Frau ihrer Zeit. Das macht sie in meinem Roman allerdings auch verletzlich. Denn anders, als man es Frauen selbst bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zutraute, kann sie logisch denken und erkennt daher die Irrationalität und den Aberglauben, die der Hexenverfolgung zugrunde liegen.
Doch als sie dies zu erkennen gibt und sich dabei auch mit etablierten und als hochgebildet geltenden Männern, wie dem Burgpfarrer von Neuerburg oder dem Hexenkommissar Maximin Pergener anlegt, wird sie nicht ernst genommen. Man empfindet ihr Verhalten im Gegenteil als unangemessen, sogar anmaßend.
Einfache Frauen aus dem Volk hätten solche Kritik an der herrschenden Hexenlehre allerdings wahrscheinlich mit einer Anklage als Hexe und damit ihrem Leben bezahlt.«
»Wo bewegen Sie sich in DIE HEXE VON NEUERBURG zwischen überlieferten Fakten und Fiktion?«
Marita Spang: »Die Buchidee entstand auf dem heute noch existenten Hexentanzplatz in Neuerburg. Anfangs ahnte ich nicht, dass es sich um eine Legende handelte. Darin hieß es, die junge Braut des Burgherrn namens Claudia von Leuchtenberg sei in einer stürmischen Januarnacht im Jahr 1613 auf ungeklärte Weise zu Tode gekommen. Das legte man der bereits als Hexe verrufenen Kräuterfrau Magdalena Pirken zur Last, die verhaftet, verurteilt und hingerichtet wurde.
Erst meine Recherchen ergaben, dass eine historische Claudia von Leuchtenberg nicht überliefert ist. Zu Tode kam allerdings tatsächlich die sechsjährige Tochter des Landgrafen von Leuchtenberg, dem damaligen Regenten der Herrschaft Neuerburg, was zur ersten Hexenverfolgungswelle führte. Sie zählt zu den schlimmsten in der Eifel. Das wurde der Ausgangspunkt für meinen Roman. Da es keine historisch belegte Claudia gab, konnte ich sie zur fiktiven Hauptperson machen und nach meinen Vorstellungen formen.
Magdalena Pirken ist zwar eine historisch belegte Person und wurde höchstwahrscheinlich auch eins der ersten Opfer der Hexenverfolgung. Ihre Prozessakten sind allerdings verschollen, also konnte ich auch diese Figur sowie ihr tragisches Schicksal frei darstellen.
Ich habe mich schon als Jugendliche erstmals mit Hexenverfolgungen beschäftigt. Da das System derart unlogisch war, wunderte ich mich immer darüber, dass man es nicht mit seinen eigenen Waffen schlug. Dies lasse ich im Roman Claudia tun, um ihre Freundin Barbara vor dem Scheiterhaufen zu retten.
Leider keine Fiktion war erforderlich, um das Wesen der Hexenverfolgungen zu beschreiben. Das Phänomen ist ausgezeichnet erforscht und spielte sich so ab, wie im Buch beschrieben. Noch mehr Fakten zu meiner Bewegung zwischen Wahrheit und Fiktion finden Sie im Nachwort des Romans.«
»Ihr Roman DIE HEXE VON NEUERBURG hatte auch Auswirkungen auf die jüngste Geschichte, würden Sie davon erzählen?«
Marita Spang: »Zu meiner Freude nahm die Bevölkerung von Neuerburg von Anfang an großen Anteil an meinem Roman. Vielen war die tragische Geschichte der Hexenverfolgungen gar nicht bewusst.
Das führte zunächst dazu, dass am Hexentanzplatz auf Betreiben der damaligen Bürgermeisterin und einiger Honoratioren des Ortes eine Stele mit Skulpturen aufgestellt wurde. Die ›Tanzenden Engel‹ symbolisieren die Seelen der Opfer. In die Stele selbst wurden die Namen von ungefähr vierzig bekannten Einwohnern der Herrschaft eingraviert, die den Verfolgungen zum Opfer fielen.
Dann ging das kleine Eifelstädtchen noch einen Schritt weiter. Es ahmte das Vorgehen anderer Städte, zum Beispiel Idstein im Taunus, nach. Dabei wurden die Opfer der Verfolgungen, die offiziell immer noch als VerbrecherInnen galten, in einer Zeremonie rehabilitiert, um ihre Unschuld auch juristisch zu bezeugen.
Dieser Hexengedenktag fand in Neuerburg am 2. Oktober 2015 statt, also ungefähr fünfzehn Monate nach dem Erscheinen des Romans.«
Das Gespräch führte Agnes Ejma aus dem dotbooks-Lektorat.
Marita Spang, geb. 1959 im Hunsrückort Haag, heute Morbach, hat in Psychologie promoviert und ist ausgebildete Klinische Psychologin und Psychotherapeutin. Nach zehn Jahren in diesem Berufszweig und weiteren fast 30 Jahren als selbstständige psychologische Unternehmensberaterin konzentriert sie sich heute fast nur noch aufs Schreiben.
Ihre Schriftstellertätigkeit begann sie ursprünglich als Hobby und schrieb unter ihrem Klarnamen Marita Spang vier historische Romane, die überwiegend im Mittelalter spielen. Für »Die Hexe von Neuerburg« erhielt sie den Goldenen Homer für den besten historischen Roman in der Kategorie »Beziehungen und Gesellschaft«. Unter dem Pseudonym Marie Lacrosse schreibt sie seit 2018 historische Romane im Zeitraum ab Mitte des 19. Jahrhunderts und wurde damit zur vielfachen Bestsellerautorin.
Seit 2023 schreibt sie unter dem Pseudonym Tessa Duncan zusätzlich psychologische Kriminalromane.
Marita Spang lebt mit Mann und Kater Mirko in einem Weinort im Naheland.
Die Website der Autorin: www.maritaspang.de
Die Autorin bei Facebook: https://www.facebook.com/spangfitzek/
Die Autorin auf Instagram: https://www.instagram.com/lacrossemarie/
Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin »Die Hexe von Neuerburg«, »Blut und Seide«, »Die Frauenburg« und »Die Rose des Herzogs«.


